22. Mai 2026 , 19:00 Uhr, Vortrag: Axel Schmitt
Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch und die Reflexionsleistung allegorischer Textverfahren
Grimmelshausens barocker Schelmenroman Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch (1668/69) wird in der Forschung weitgehend als Frühform des Bildungsromans gelesen, in der der Protagonist eine Entwicklung im psychologischen Sinn durchmacht, an deren Ende er als moralisch gefestigte Person gelten kann – sei es in Form eines lebenserfahrenen Individuums oder als Muster eines ‚frommen Einsiedlers‘, der sein Leben erinnernd allegorisch zu kommentieren vermag. Demgegenüber möchte Axel Schmitt zeigen, dass sich der Schreib-Prozess des Romans weder von einem übersubjektiven Kanon christlicher Didaxe noch von einem selbstbewussten Subjekt cartesianischer Provenienz unter Kontrolle bringen lässt. Er besteht vielmehr in einem reflektierten Verlust der Verfügungsgewalt über die Zeichen.
Der Roman begegnet den semiologischen Krisensymptomen der Frühen Neuzeit mit allegorischen Textverfahren, die die radikale Zeichenhaftigkeit der Welt insofern umsetzen, als ihnen Worte und Gegenstände jeweils zu Zitaten in einem unendlichen Textraum werden, in dem sich das Subjekt verliert. Damit ergibt sich eine interessante Modifikation des Zusammenhangs von Metaphysik und Schrift, wie sie seit Platons Phaidros in Philosophie und Literatur diskutiert wird. Auf dem Spiel steht die Existenz eines transzendentalen Signifikats (Gott, das Eine, das Absolute, der Sinn …), in dem die Relationen der Zeichen ihren Haltepunkt finden. Gleichwohl gilt auch hier das Charakteristikum allegorischer Schrift, dass sie geradezu obsessiv bedeutsame Textstücke produziert. Doch wo kein Wort mehr ausreicht, um letzte Wahrheiten zu bezeichnen, da scheint der oberste Sinngarant schlichtweg zu fehlen und keine Sprache oder Schrift diesen Ausfall kompensieren zu können. Simplicius‘ Zifferantentum im sechsten und letzten Buch, der Continuatio, das Beschriften der gesamten Natur auf der Kreuzinsel, scheint zwar mit dem traditionell-sinnbildhaften Gestus des abschließenden, sinnfixierenden Kommentars im Form einer erbaulichen Reflexion und einer Bestätigung der vorherrschenden christlichen Ideologie verbunden zu sein, in Wirklichkeit lässt es sich aber als metapoetisches Unternehmen lesen, das auf die Probleme und Aporien sprachlicher, genauer textueller Sinnerzeugung aufmerksam macht. Im Rahmen von Simplicius‘ allegorischer Schrift- und Erinnerungsarbeit auf der Kreuzinsel soll ein genauerer Blick auf die Baldanders-Allegorie und den Schermesser-Diskurs geworfen werden, in denen der Roman seine implizite Zeichentheorie als beständige Sinnverfehlung reflektiert.
Veranstaltungsort
Residenzschloss Arolsen
Schloßstraße 27
34454 Bad Arolsen
Uhrzeit
19:00 UhrEine vorherige Anmeldung ist erforderlich.
Unser Jahresprogramm
Alle Neuigkeiten rund um die Bibliothek
Vortragsreihe der Bibliothek Brehm wird 2026 fortgesetzt und erweitert
Die Vortragsreihe 2025 ist noch nicht ganz vorbei. Dennoch haben die Planungen für das kommende Jahre bereits begonnen. Aufgrund der hohen Nachfrage wird das Programm im kommenden Jahr erweitert. Auch Sonderführungen sind wieder geplant.
Weiterlesen … Vortragsreihe der Bibliothek Brehm wird 2026 fortgesetzt und erweitert
Sonderausstellung "Was ist schön?" im Wolfgang-Bohnhage-Museum Korbach
Das Wolfgang-Bonhage-Museum Korbach zeigt vom 26. September 2025 bis zum 11. Januar 2026 eine Sonderausstellung mit dem Titel „Was ist schön?“. Auch die Bibliothek Brehm Stiftung hat dafür einige Objekte als Leihgaben zur Verfügung gestellt.
Weiterlesen … Sonderausstellung "Was ist schön?" im Wolfgang-Bohnhage-Museum Korbach
Besuch des genealogischen Arbeitskreises des Marienkrankenhauses in Soest
Der genealogische Arbeitskreis des Marienkrankenhauses Soest war am 09. August 2025 zu Besuch. Einer der Besucher, Dr. Stephan Morbach, hat auf seiner Facebook-Seite einen tollen Bericht geschrieben, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen.
Weiterlesen … Besuch des genealogischen Arbeitskreises des Marienkrankenhauses in Soest